Welche Herausforderungen erleben Eltern sehbehinderter Kinder aus Ihrer Sicht am häufigsten, und wie unterstützt Ihr Verein konkret in diesen Situationen?
Viele Eltern erleben nach der Diagnose zunächst große Unsicherheit. Plötzlich müssen sie sich mit Hilfsmitteln, Frühförderung, Schulfragen oder Behörden auseinandersetzen. Oft wissen sie dabei nicht, an wen sie sich wenden können. Hinzu kommt die emotionale Belastung. Viele Familien fühlen sich anfangs allein mit ihren Sorgen. Genau deshalb ist der Austausch mit anderen betroffenen Familien so wertvoll.
Unser Verein begleitet blinde und sehbehinderte Kinder, Jugendliche und ihre Familien oft über viele Jahre hinweg – von der Frühförderung bis ins junge Erwachsenenalter. Dabei geht es uns nicht nur um Unterstützung im klassischen Sinne, sondern darum, Kindern echte Teilhabe, Selbstständigkeit und gesellschaftliche Sichtbarkeit zu ermöglichen.
Als Schulverein des Bildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte in Hamburg unterstützen wir ganz konkret dort, wo im Alltag oft zusätzliche Hilfe benötigt wird: bei Hilfsmitteln, Klassenreisen, Sport- und Kulturangeboten oder besonderen Förderprojekten. Gleichzeitig organisieren wir eigene Angebote wie Ferienfreizeiten, Musikunterricht, Sport, Tanz- und Bewegungspädagogik oder Elternseminare.
Was unsere Arbeit besonders macht, ist die Verbindung aus praktischer Hilfe, Gemeinschaft und emotionaler Unterstützung. Viele Familien kommen zunächst mit großen Sorgen zu uns und bleiben dann viele Jahre Teil unseres Netzwerks.
Ein Angebot, das mir besonders wichtig ist, ist unser Eltern-Kind-Seminar. Dort treffen Familien aufeinander, die ähnliche Erfahrungen machen. Eltern erleben durch Selbsterfahrungen mit Augenbinden oder Simulationsbrillen ganz praktisch, wie ihre Kinder die Welt wahrnehmen. Gleichzeitig entstehen Gespräche und Kontakte, die häufig weit über das Wochenende hinaus bestehen bleiben.
Ähnlich ist es bei unseren Ferienfreizeiten und kulturellen Angeboten, weil dort häufig etwas passiert, das man kaum in Zahlen messen kann: Kinder entwickeln Selbstvertrauen.
Sie erleben zum ersten Mal, wie selbstverständlich Selbstständigkeit und Gemeinschaft funktionieren können. Sie probieren Neues aus, schließen Freundschaften und merken, dass sie viel mehr können, als ihnen manchmal zugetraut wird. Vor allem müssen sie niemandem erklären, warum sie einen Langstock benutzen oder bestimmte Hilfsmittel brauchen, das ist einfach normal.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Schulen, Behörden und anderen Institutionen im Hinblick auf die Inklusion sehbehinderter Kinder? Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
Es gibt viele engagierte Fachkräfte und Einrichtungen, die sich mit großem Einsatz für Inklusion einsetzen. Gleichzeitig erleben Familien aber häufig, dass Unterstützung noch zu stark vom persönlichen Engagement Einzelner abhängt.
Gerade bei einer Sehbehinderung fehlt manchmal das Wissen darüber, welche Unterstützung Kinder konkret benötigen. Dabei geht es oft um scheinbar kleine Dinge: gute Beleuchtung, barrierefreie Materialien, ausreichende Mobilitätsförderung oder passende technische Hilfsmittel.
Als Verein versuchen wir deshalb auch, Wissen weiterzugeben, beispielsweise über unsere Frühförderung oder Fortbildungsangebote für pädagogische Fachkräfte. Ich wünsche mir, dass Inklusion künftig noch selbstverständlicher mitgedacht wird und Familien weniger Energie dafür aufbringen müssen, notwendige Unterstützung einzufordern.
Das diesjährige Motto des Sehbehindertentags ist „Kochen“. Welche Rolle spielen alltagspraktische Fähigkeiten wie Kochen in der Förderung sehbehinderter Kinder, und wie unterstützt Ihr Verein Familien dabei?
Alltagspraktische Fähigkeiten wie Kochen sind unglaublich wichtig, weil sie Kindern Selbstständigkeit und Sicherheit im Alltag vermitteln. Für blinde oder sehbehinderte Kinder bedeutet das oft viel mehr als nur ein Rezept zuzubereiten, es geht darum, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.
Wir erleben häufig, dass Kinder unterschätzt werden. Dabei können sie mit den richtigen Techniken und etwas Geduld erstaunlich selbstständig handeln.
In unseren Angeboten fördern wir lebenspraktische Fähigkeiten oft ganz selbstverständlich mit: bei Ferienfreizeiten, gemeinsamen Aktivitäten oder im Austausch mit anderen Familien. Kinder lernen dort voneinander, übernehmen Verantwortung und erleben Erfolgserlebnisse im Alltag. Gleichzeitig erleben Eltern, wie wichtig es ist, ihren Kindern etwas zuzutrauen und sie Schritt für Schritt selbstständig werden zu lassen.
Für mich ist genau das ein zentraler Gedanke unserer Vereinsarbeit: Kindern nicht Grenzen zu zeigen, sondern Möglichkeiten.