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3 Fragen an Jana Ihle

Tag der gewaltfreien Erziehung: Drei Fragen an Jana Ihle

Am heutigen Tag der Gewaltfreien Erziehung, wird erneut daran erinnert, dass Kinder ein Recht auf eine Erziehung ohne Gewalt haben – sei es körperlich, seelisch oder emotional. Gewaltfreie Erziehung ist nicht nur gesetzlich verankert, sondern auch essenziell für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In diesem Zusammenhang haben wir mit Jana Ihle gesprochen. Sie ist Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land in Remscheid, die wir 2020 mit dem Hauptpreis des HanseMerkur Preises für Kinderschutz ausgezeichnet haben. Sie spricht über die Bedeutung von Prävention, den Umgang mit betroffenen Familien und wie wichtig es ist, frühzeitig auf Warnsignale zu reagieren. Zudem beleuchtet sie, wie Eltern unterstützt werden können, um alternative Erziehungsstrategien zu entwickeln, die ohne Gewalt auskommen.

Welche Rolle spielen Schulen und andere Bildungseinrichtungen bei der Förderung einer gewaltfreien Erziehung, und wie kann die Zusammenarbeit mit der Kinderschutzambulanz intensiviert werden?

Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Kinderarmut und sozialer Ungleichheit nehmen schulische und außerschulische Bildungseinrichtungen eine zentrale Rolle in der Erziehung ein, die über das reine Vermitteln von Wissen hinausgeht. Hier wird soziales Miteinander, Selbstwirksamkeit und eine demokratische Grundhaltung trainiert, was einen entscheidenden Beitrag zur Förderung von Gewaltfreiheit leistet. Es wird also ein gesellschaftliches Miteinander eingeübt, in dem Kinder lernen andere Perspektiven einzunehmen und gewaltfrei Grenzen zu setzen. Gleichzeitig ist es aus meiner Sicht wichtig, Kinder, die durch aggressives Verhalten auffallen nicht bloß als Störfaktoren zu betrachten. Häufig drücken sich bei ihnen so Überforderung, Ohnmachtsgefühle oder Frustration aus. Diese Signale müssen entsprechend verstanden und fachliche eingeordnet werden. Dabei können Institutionen wie die Kinderschutzambulanz unterstützen, beispielsweise durch Fortbildungen oder in der konkreten Fallbegleitung.

Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es für Familien, die bereits mit Gewalt in der Erziehung konfrontiert waren, um langfristige Veränderungen zu erreichen?

Die transgenerationalen Aspekte im Kinderschutz spielen in der Diagnostik und Elternarbeit eine wichtige Rolle. Viele Eltern haben selbst Gewalt oder Grenzverletzungen erlebt und häufig beeinflussen diese frühen Erfahrungen noch das eigene Handeln – mehr oder weniger bewusst. Immer wieder ist es im diagnostischen Prozess ein wichtiger Schritt wenn Eltern diese Zusammenhänge erkennen und beginnen diese kritisch zu hinterfragen. Das Verstehen eigener Verhaltensmuster eröffnet mitunter neue Perspektiven und kann hilfreich für das Umsetzen alternativer, gewaltfreier Handlungsstrategien sein. Darauf aufbauend lassen sich häufig alltagsnahe und konkrete Strategien entwickeln, die für mehr Sicherheit und Entlastung in der Familie führen können. Sozialpädagogische Familienhilfen können bei der Umsetzung solcher Strategien helfen, und manchmal ist auch eine therapeutische Anbindung der Eltern zur Bearbeitung eigener Kindheitsthemen angezeigt.

Welche Herausforderungen beobachten Sie aktuell in Bezug auf gewaltfreie Erziehung, insbesondere in Zeiten von zunehmendem Stress und Belastungen in Familien?

Viele Familiensysteme mit denen wir im Rahmen von Kindeswohlgefährdung oder Fragen zum Kinderschutz zu tun haben, stehen unter großem Druck.  Dieser resultiert zum Beispiel aus beruflichen Belastungen, finanziellen Sorgen oder einem starkem Überforderungserleben. Kinder nehmen diese Stimmungen häufig sensibel wahr und reagieren darauf – etwa mit Unruhe oder Verhaltensweisen die im Umfeld als sehr herausfordernd wahrgenommen werden. Diese kindlichen Reaktionen werden von Eltern häufig als zusätzliche Belastung erlebt, was ihr Stresserleben weiter intensivieren kann. So kann sich ein Kreislauf entwickeln, in dem sich Anspannung bei Eltern und als belastend wahrgenommene Verhaltensweisen von Kindern aufrecht erhalten oder verstärken. Aus systemischer Sicht kann es für Eltern sehr hilfreich sein diese Wechselwirkungen zu verstehen und zu unterbrechen. In diesen Fällen erscheint es immer sinnvoll, nicht nur einzelne Verhaltensweisen zu betrachten  sondern das gesamte Familien- und Beziehungsgeschehen in den Blick zu nehmen. Gleichzeitig wird deutlich: Familien brauchen nicht nur individuelle Unterstützung sondern auch gesellschaftliche Entlastung. Dazu zählen zum Beispiel gute Betreuungsangebote innerhalb und außerhalb schulischer Einrichtungen. Ich halte auch die Diskussion um die Kindergrundsicherung für angezeigt, um zu überprüfen ob so finanzielle Sorgen reduziert und familiärer Stress verringert werden könnte.