„Ich wünsche mir ein eigenes Schulfach Gesundheit – von der Grundschule bis zur Sekundarstufe II”
Welche Rolle sollen Schulen, Lehrkräfte und Eltern künftig spielen?
Prof. Thomasius: Eine deutlich größere, als ihnen derzeit möglich ist. Die Forschung zeigt sehr differenziert, was in welchem Alter wirkt: In der Grundschule helfen Programme, die soziale Fertigkeiten, Selbstkontrolle und Problemlösekompetenz stärken und zugleich gesunde Alternativen anbieten. Lebenskompetenzprogramme zeigen in dieser Altersgruppe nachweislich präventive Effekte auf den Einstieg in den Tabakkonsum. Bei Sechst- und Siebtklässlern hat sich zusätzlich die Vermittlung sozialer Normen als wirksam erwiesen. In der Oberstufe profitieren Schülerinnen und Schüler besonders von Peeredukation – also wenn Gleichaltrige als Botschafter auftreten. Der Einbezug von Eltern in die Schulprojekte kann die präventiven Effekte dabei in allen Altersgruppen verstärken.
Was hingegen nicht ausreicht: alleinige Risikoaufklärung und der erhobene pädagogische Zeigefinger. Was wirklich wirkt, ist das Sichtbarmachen einer Norm – dass Nichtrauchen normal ist und dazugehört. Dass Lehrkräfte mit gutem Beispiel vorangehen müssen und rauchvernebelte Lehrerzimmer hoffentlich für immer der Vergangenheit angehören, sollte dabei eigentlich selbstverständlich sein.
Und strukturell – was bräuchte es langfristig?
Prof. Thomasius: Volle Lehrpläne, hoher Leistungsdruck und fehlende Fachkompetenz lassen an vielen Schulen kaum Spielraum für Präventionsprogramme. Deshalb wünsche ich mir die Einführung eines eigenen Schulfachs „Gesundheit” – von der Grundschule bis zur Sekundarstufe II, unterrichtet von Fachkräften. Es sollte gesunde Ernährung, Bewegung, Resilienz, Medienkompetenz, soziale Kompetenz, Achtsamkeit und Wohlbefinden sowie eine qualitätsgesicherte Sucht- und Tabakprävention umfassen. Das wäre eine Investition in gesunde Lebensjahre – und in Lebensqualität.
Stichwort Lebensqualität und Longevity: Wie groß ist das Präventionspotenzial, wenn man auf die Lebenserwartung schaut?
Prof. Thomasius: Es ist enorm. In der Medizin gilt die Faustformel: Jede rauchende Person verliert durch das Rauchen zehn Lebensjahre. Rauchen ist der bedeutendste vermeidbare Risikofaktor für chronische, nicht übertragbare Erkrankungen. Es verursacht etwa 20 Prozent aller Krebsneuerkrankungen, ist die häufigste Ursache für chronisch obstruktive Lungenerkrankungen und verdoppelt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle. Rauchen in der Schwangerschaft erhöht das Risiko für Komplikationen und schadet dem Ungeborenen.
Im Jahr 2023 waren in Deutschland rund 131.000 Todesfälle auf das Rauchen zurückzuführen – das entspricht jedem siebten Todesfall. Den größten Anteil machen Krebserkrankungen aus (42 Prozent), gefolgt von kardiovaskulären Erkrankungen (rund ein Drittel) und Atemwegserkrankungen (rund ein Viertel). Wer also über Longevity spricht – über ein langes, gesundes Leben – kommt an der Tabakprävention im Kindes- und Jugendalter nicht vorbei. Die Chancen, die wir dort versäumen, lassen sich später kaum aufholen. Das ist die Botschaft, die wir zum Weltnichtrauchertag jedes Jahr neu stellen müssen.
Prof. Dr. med. Rainer Thomasius über die Risiken des frühen Rauchens und darüber, warum Prävention im Schulalter entscheidend ist.