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HanseMerkur Preis für Kinderschutz Preisträger 2026 Ankerland e.V.

Quelle: Ankerland e.V.

Hamburg, 6. Oktober 2026 Zurück

Wunden, die man nicht sieht

HanseMerkur Preis für Kinderschutz ehrt Ankerland e. V. mit einem Mitarbeiterpreis

Gegenüber dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf steht ein ehemaliges Pastorat. Wer hineingeht, findet Räume für Gespräche, Musik, Kunst, Körperarbeit und Kinder, die hier so lange bleiben dürfen, wie sie es brauchen. Seit 2016 betreibt der Hamburger Verein Ankerland e. V. in diesem Haus ein Trauma-Therapiezentrum. Schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche werden dort tagesklinik-ähnlich und kostenfrei behandelt, begleitet von einem Team aus Ärztinnen, Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten. Für diese Arbeit erhält der Verein den Mitarbeiterpreis des HanseMerkur Preises für Kinderschutz, den die Belegschaft der HanseMerkur selbst auswählt. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert und wird im Rahmen der feierlichen Preisverleihung am 06. Oktober 2026 am Unternehmenssitz der HanseMerkur in Hamburg überreicht.

Ein Trauma, griechisch für Wunde, beschreibt im psychischen Kontext die Folgen einer Belastungserfahrung, die ein Mensch nur mit schweren psychischen Verletzungszeichen überleben kann. Schwere Unfälle und Krankheiten können ein Psychotrauma auslösen, ebenso Vernachlässigung, Verlusterfahrungen, sexueller Missbrauch und andere Gewalt. Wie viele Kinder jährlich von diesen Erfahrungen in Deutschland betroffen sind, ist in Summe nicht präzise erfasst. Die Jugendämter stellten 2025 rund 79.800 dokumentierte Kindeswohlgefährdungen fest, den vierten Höchststand in Folge; allein in Hamburg waren es 2024 knapp 2.000 Fälle. Hierbei handelt es sich um das sogenannte Hellfeld. Unerkannt, im Dunkelfeld, werden es noch einmal erheblich mehr betroffene Kinder und Jugendliche sein. Statistisch leiden drei bis neun von 100 Kindern unter einer sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung. Ankerland schätzt, dass mindestens ein bis zwei Kinder pro Schulklasse von schwersten Störungszeichen nach traumatischen Erfahrungen betroffen sind.

Eberhard Sautter, Vorstandsvorsitzender der HanseMerkur, erläutert: „Ankerland setzt dort an, wo Hilfe am dringendsten gebraucht wird und am schwersten zu bekommen ist. Dass dieser Verein Kindern eine Therapie ermöglicht, die sich allein nach ihrem Bedarf richtet und für die Familien kostenfrei bleibt, ist bemerkenswert. Seelische Verletzungen sind keine Randerscheinung, sie verdienen dieselbe Aufmerksamkeit wie körperliche. Dass unsere Belegschaft Ankerland ausgewählt hat, freut mich ganz besonders.“

Ein Pastorat gegenüber dem UKE
Der Ankerland e. V. entstand 2008. Dr. med. Andreas Krüger, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, hatte 2001 am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf die erste Trauma-Ambulanz für Kinder und Jugendliche an einer deutschsprachigen Uniklinik aufgebaut und dabei eine Versorgungslücke erstmals geschlossen: Für schwer traumatisierte junge Menschen gab es an deutschen Unikliniken keine kindgerechten Akutversorgungsangebote. Auch im stationären Setting existierten keine spezialisierten Angebote. Ein bedeutender Meilenstein folgte im April 2016 mit der Eröffnung des eigenen, teilstationären Trauma-Therapiezentrums. In einem ehemaligen Pastorat gegenüber dem UKE entstand ein geschützter, kindgerechter Ort.

Therapie ohne Stoppuhr
Grundlage der Behandlung ist die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie für Kinder und Jugendliche (PITT-KID). Dr. Krüger entwickelte sie in Anlehnung an das von Prof. Dr. Luise Reddemann begründete Verfahren für Erwachsene und veröffentlichte 2007 gemeinsam mit ihr ein Manual zur weiterentwickelten Methode. Ein Merkmal ist die Einbindung einer erwachsenen Bezugsperson, die im Alltag als unterstützende Kraft in der Therapie wirkt. Zu Beginn wird sorgfältig geprüft, ob diese Person Sicherheit und ausreichende Fürsorge anbieten kann. Bei schwerer häuslicher Gewalt setzt das Jugendamt meist andere Betreuungspersonen in Pflegefamilien oder in der stationären Jugendhilfe ein.

Die gesprächsorientierte Therapie wird durch Musik-, Kunst- und Körpertherapie ergänzt. Die Behandlung ist zeitlich nicht begrenzt: Wann sie endet, entscheidet das therapeutische Team gemeinsam mit Kind und Bezugspersonen. Erreichte Teilziele, eine deutliche Symptomreduktion, die Rückkehr in die Schule etwa, auch kleine Schritte werden ausdrücklich wertgeschätzt.

„Kinder verlieren durch traumatische Erfahrungen Vertrauen in sich selbst, in die Beziehungen zu anderen und das Gefühl, Einfluss auf ihr eigenes Leben zu haben“, sagt Dr. med. Andreas Krüger, Gründer von Ankerland e. V. und ärztlicher Leiter des Trauma-Therapiezentrums. „Unsere Aufgabe ist es, ihnen Vertrauen und Kontrolle Stück für Stück zurückzugeben. Das braucht Professionalität, Zeit, menschliches Engagement und einen Ort, der Sicherheit vermittelt.“

Statt Warteliste ein Telefon
Weil zu viele Kinder Hilfe brauchen, führt Ankerland keine Warteliste. Anmeldungen werden nach jeweiligen Möglichkeiten berücksichtigt. Auch zu diagnostischen Zwecken kommen ausgewählte Fälle schwer beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher aus ganz Deutschland aufgrund der ausgewiesenen Expertise von Ankerland nach Hamburg.

Weiterhin betreibt Ankerland unter der Leitung von Dr. Ilse Hüttner ein bundesweit erreichbares Trauma-Informations- und Beratungszentrum, das 2010 mit einem Infotelefon startete und später durch ein Beratungsangebot für Bezugspersonen von betroffenen Kindern und für Fachkräfte erweitert wurde. Das Infotelefon führt eine Datenbank über bundesweite Versorgungsmöglichkeiten, auch Therapieeinrichtungen und andere Hilfsangebote. Getragen wird der Telefondienst überwiegend von Ehrenamtlichen, z. B. Studierenden der Psychologie und der Sozialen Arbeit, die eine Schulung durchlaufen, durch Fachkräfte begleitet und regelmäßig supervidiert werden.

Die Belegschaft hat entschieden
Beim Mitarbeiterpreis des HanseMerkur Preises für Kinderschutz entscheidet die Belegschaft, wer ausgezeichnet wird. In diesem Jahr verleiht die HanseMerkur erstmals zwei Mitarbeiterpreise, die Wahl fiel u. a. auf Ankerland. Neben der therapeutischen Arbeit setzt der Verein auf Information, Beratung, Aufklärung, Prävention und Fortbildungen für Fachkräfte, um das Bewusstsein für die Folgen von Traumatisierungen zu schärfen, Versorgung zu verbessern und das Thema weiter zu enttabuisieren. Langfristiges Ziel ist ein flächendeckendes Versorgungsnetzwerk.

Getragen von Spenden
Die Kinder und Jugendlichen kommen einmal wöchentlich für mehrere Stunden ins Zentrum. Dieses tagesklinik-ähnliche Modell lässt sich keiner der etablierten Versorgungsformen eindeutig zuordnen. Ankerland finanziert die Behandlung daher vollständig aus Spenden und Fördermitteln und trägt das wirtschaftliche Risiko allein. Für die Kinder und Jugendlichen hat das einen entscheidenden Vorteil: Sie können ihrem Bedarf entsprechend intensiv versorgt werden. Das Preisgeld des HanseMerkur Preises für Kinderschutz in Höhe von 10.000 Euro fließt unmittelbar in die Therapie und trägt die Begleitung eines Kindes über etliche Monate.

„Diese Auszeichnung kommt von Menschen, die sich beruflich täglich mit Gesundheit befassen, das bedeutet uns viel“, sagt Dr. med. Andreas Krüger. „Sie hilft uns, unser Versorgungsangebot zu sichern und ein Thema sichtbar zu machen, über das noch immer zu selten gesprochen wird. Kein Kind sollte mit einer schweren seelischen Verletzung allein bleiben.“

 

Quellen
Kindeswohlgefährdungen bundesweit: Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 284 vom 13.08.2026.
Kindeswohlgefährdungen in Hamburg: Statistikamt Nord, „Kindeswohlgefährdungen in Hamburg 2024“.
Prävalenz der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Kindern und Jugendlichen: Eilers H., Ertl V., Kasparik B., Kost L., Rosner R., Bundesgesundheitsblatt 67 (2024), S. 409–418.
Schätzung „ein bis zwei Kinder pro Schulklasse“ sowie Angaben zu Konzept und Finanzierung: Ankerland e. V., ankerland.de, Stand August 2026.
PITT-KID: Krüger A., Reddemann L., „Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie für Kinder und Jugendliche. PITT-KID – Das Manual“, Klett-Cotta, Stuttgart 2007.

Über den HanseMerkur Preis für Kinderschutz

Im UNO-Jahr des Kindes 1979 gab die HanseMerkur bei Prof. Dr. Hedwig Wallis, damals Direktorin der Psychosomatischen Abteilung an der Hamburger Universitäts-Kinderklinik, eine Studie in Auftrag. Diese wies nach, dass die begleitende Mutter zur Beschleunigung des Genesungsverlaufs und zur Vorbeugung gegen seelische Schäden bei stationären Aufenthalten von Kindern entscheidend ist. Diese Erkenntnis mündete ein Jahr später in den „Mutter-und-Kind-Tarif“, mit dem die HanseMerkur als erster privater Krankenversicherer das „Rooming-in“ absicherte.

Parallel dazu wurde 1980 erstmals unter dem Motto „Sorge für Kinder ist Vorsorge für die Zukunft“ der HanseMerkur Preis für Kinderschutz ausgeschrieben. Ausgezeichnet werden einzelne Personen, private Initiativen und Gruppen in Deutschland, die sich weitgehend ehrenamtlich und höchst engagiert sowie beispielhaft für die Belange von Kindern und Jugendlichen einsetzen. Dies kann im Bereich der psycho-sozialen, der medizinischen oder gesellschaftlichen Hilfe bzw. Vorbeugung geschehen. Eine zehnköpfige Jury aus renommierten Kinderschützern, der unter anderem Prof. Dr. Sabine Andresen (Der Kinderschutzbund), Georg Graf Waldersee (Deutsches Komitee für UNICEF) und Prof. Dr. Sabine Walper (Deutsche Liga für das Kind) angehören, sorgt für den Know-how-Transfer und die Qualitätskontrolle bei der alljährlichen Auswahl exzellenter Initiativen im Kinder- und Jugendschutz. Seit 1980 haben sich über 4.000 Projekte beworben. Ausgezeichnet wurden bislang 194 Projekte, die Preisgelder in Höhe von über 1,4 Millionen Euro erhalten haben.