Welche Bedeutung hat es aus Ihrer Sicht, dass Versicherer wie die HanseMerkur das Thema Männergesundheit heute stärker in den Fokus rücken?
Anke Hoffmann: Männergesundheit umfasst ein breites Spektrum, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und psychischer Gesundheit über die Krebsfrüherkennung bis hin zu urologischen Beschwerden. Viele dieser Erkrankungen sind gut behandelbar oder in ihrem Verlauf positiv beeinflussbar, wenn sie frühzeitig erkannt werden. Gleichzeitig zeigen sich Unterschiede im Vorsorge-, Informations- und Gesundheitsverhalten von Männern und Frauen. Männer ignorieren gesundheitliche Beschwerden häufig länger, nehmen Warnsignale später ernst und nutzen Präventionsangebote seltener. Versicherer können hier eine wichtige Rolle übernehmen, indem sie nicht nur die Kostenerstattung sicherstellen, sondern aktiv zur Gesundheitsförderung beitragen. Wenn Männergesundheit sichtbar thematisiert wird und entsprechende Angebote leicht zugänglich sind, entsteht ein offenerer Umgang mit Gesundheit, Vorsorge und Erkrankungen. Die stärkere Fokussierung auf Männergesundheit ist daher ein wichtiger Schritt hin zu einer individuelleren und bedarfsgerechteren Versorgung.
Frau Hoffmann, lutastic+ kombiniert verschiedene Therapieelemente in einer digitalen Anwendung. Wie unterstützt die App Betroffene dabei, ihre Beschwerden aktiv und nachhaltig zu verbessern?
Anke Hoffmann: lutastic+ hilft Betroffenen, ihre Symptome besser zu verstehen und aktiv an ihrer Behandlung mitzuwirken. Die App kombiniert fundierte Wissensvermittlung, ein digitales Blasentagebuch mit objektiver Datenerfassung über den Diary Pod sowie praktische Trainingsprogramme. Fortschrittsanzeigen, Erinnerungsfunktionen und motivierende Elemente unterstützen Nutzer dabei, gesundheitsfördernde Verhaltensweisen langfristig in ihren Alltag zu integrieren. So werden sie befähigt, ihre Beschwerden selbstbestimmt und nachhaltig zu verbessern.
Frau Dr. Murgas, bei Schlafstörungen gilt heute häufig die Devise „Verhalten vor Medikamenten“. Gilt ein ähnlicher Ansatz auch bei LUTS?
Dr. Sandra Murgas: Ja, dieser Grundsatz lässt sich durchaus auf Beschwerden des unteren Harntrakts übertragen. Leitlinien empfehlen, zunächst konservative Maßnahmen zu prüfen und auszuschöpfen. Gerade bei leichten bis moderaten Beschwerden können Lebensstil- und Verhaltensänderungen bereits zu einer spürbaren Verbesserung führen.
Zu den wichtigsten Ansätzen gehören eine Anpassung der Trinkgewohnheiten, insbesondere die Reduzierung größerer Flüssigkeitsmengen in den Abendstunden, ein geringerer Alkohol- und Koffeinkonsum, Gewichtsreduktion bei Übergewicht, regelmäßige körperliche Aktivität sowie Blasentraining und Strategien zur besseren Kontrolle von Harndrang. Auch die Optimierung von Begleiterkrankungen oder Medikamenten, die Beschwerden verstärken können, spielt eine wichtige Rolle. Gerade bei Nykturie können bereits kleine Veränderungen einen großen Unterschied machen, weil sie eng mit Schlafqualität und allgemeinem Wohlbefinden verknüpft ist.
Frau Hoffmann, was unterscheidet lutastic+ von klassischen Gesundheits-Apps und warum ist insbesondere die Kombination mit dem Diary Pod ein innovativer Ansatz?
Anke Hoffmann: lutastic+ ist keine klassische Gesundheits-App, sondern ein zertifiziertes Medizinprodukt, das hohen Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen unterliegt. Aktuell läuft eine klinische Studie, mit der ein positiver Versorgungseffekt nachgewiesen werden soll, um die Anwendung perspektivisch im DiGA-Verzeichnis registrieren zu lassen. Der innovative Charakter von lutastic+ liegt insbesondere in der Kombination mit dem Diary Pod. Die objektive und präzise Erfassung der Daten eines Blasenprotokolls wird direkt mit einem strukturierten Therapiekonzept verknüpft. Häufig findet man entweder digitale Dokumentation oder therapeutische Unterstützung. Bei lutastic+ sind beide Elemente in einer Anwendung vereint.
Frau Dr. Murgas, welche Erkenntnisse liegen bislang zur Wirksamkeit digitaler Therapieansätze vor?
Dr. Sandra Murgas: Digitale Gesundheitsanwendungen können eine sinnvolle Ergänzung bestehender Behandlungsansätze sein, insbesondere wenn sie evidenzbasierte Verhaltensmaßnahmen strukturieren und die Therapietreue fördern. Sie helfen dabei, leitlinienempfohlene Maßnahmen im Alltag leichter umzusetzen und können eine wichtige Versorgungslücke schließen. Eine Studie mit betroffenen Männern, die die App lutastic+ über 12 Wochen genutzt haben, zeigt erste vielversprechende Ergebnisse bei der Verbesserung der Symptomatik. Gerade für Patienten mit Speicherbeschwerden wie Harndrang, häufigem Wasserlassen oder Nykturie sind solche Angebote interessant. Gleichzeitig sollten die Erwartungen realistisch bleiben. Bei ausgeprägten Entleerungsstörungen, relevanter Blasenauslassobstruktion oder Komplikationen durch eine gutartige Prostatavergrößerung reichen digitale Maßnahmen allein meist nicht aus. In diesen Fällen können ergänzende medikamentöse oder interventionelle Therapien erforderlich sein.